SoSe 2002
PS 16834: Deutsch als Zweitsprache
Dozentin: Dr. Anja Hallacker
Referentin: Thealinde Reich
Datum: 29.04.02

Referat zu einem Thema der Sitzung: Welche Sprachkenntnisse erwirbt ein Kind ndH vor Eintritt in die Schule? Wie lernt es Deutsch?

Material:

1. Ali Uçar: Deutschkenntnisse der Schulanfänger nichtdeutscher Herkunftssprache. In: Schilfblatt. Nachrichten für Lehrkräfte von Migranten. Heft 10: Themenheft Deutsch als Zweitsprache.

2. Elternbriefe des Arbeitskreises für Neue Erziehung e. V., Boppstr. 10, 10967 Berlin, Üye Ol


Eine Studie aus dem Jahr 1995/96 liefert folgende Ergebnisse: 20 Vorschulklassenleiterinnen
aus 8 Grundschulen in Kreuzberg geben an, dass 63% der Kinder ndH beim Eintritt in die Vorklasse kein oder nur wenig Deutsch sprechen. Der Ausländeranteil an diesen Schulen liegt bei 40 - 75% und 69 - 91% der Kinder haben türkische Staatsangehörigkeit.

Prof. Ali Uçar gibt in seinem Artikel mehrere schwerwiegende Gründe für dieses
katastrophale Ergebnis an:

1. Aufwachsen in subkulturellen Strukturen und Bildung von gettoähnlichen Wohngebieten

In Kreuzberg gab es 1996 einen Ausländeranteil von 34%. Prognosen des
Stadtentwicklungssenators zufolge werden es im Jahr 2010 41% sein. Die ausländische Bevölkerung konzentriert sich in bestimmten Straßen und Wohngebieten: man versucht, verwandtschaftliche Beziehungen auch in Berlin aufrecht zu erhalten.
Als Folge davon verläuft die alltägliche Kommunikation der Kinder in der Muttersprache und das wird immer schlimmer, weil deutsche Familien aus der Gegend wegziehen, um die Bildungschancen ihrer Kinder nicht zu gefährden.

2. Jugendliche der 2. Generation wählen ihre Ehegatten aus dem Herkunftsland
Dies ist bei mehr als der Hälfte der zweiten Migrantengeneration der Fall. Vor allem Frauen, die wegen der Familienzusammenführung nach Deutschland nachkommen, können kein Deutsch. Die deutschen Lebensverhältnisse sind ihnen fremd und sie leben unter sich. Darum unterliegen sie keinem Zwang Deutsch zu lernen; sie erziehen ihre Kinder nach ihren Vorstellungen und in der Muttersprache.

3. Einfluss der muttersprachlichen Medien
Fernsehen steht als Freizeittätigkeit bei türkischen Kindern an erster Stelle. Im Extremfall sitzt ein Kind bis zu neun Stunden am Tag vor dem Fernseher. In Berlin gibt es türkische Sender, außerdem kann man über Satellit auch welche aus der Türkei empfangen.

Zusammengerechnet kann man 15 Programme in türkischer Sprache sehen! Es gibt auch einen großen Videomarkt mit Filmen in türkischer Sprache.
Diese Faktoren führen zu einer Isolation der Kinder vom (deutschen) Umfeld, die Geschwisterkinder bleiben unter sich.

4. Kreuzberg: Anteil der türkischen Kinder ist in den Kitas sehr hoch
Dadurch kommunizieren die Kinder in der Muttersprache und haben kaum Kontakte zu deutschen Kindern; immerhin reden sie mit der Erzieherin Deutsch. Leider gehen viele ausländische Kinder aber gar nicht in den Kindergarten. Ergebnis: 65% der ausländischen Kinder haben nach dem Kindergarten gute Deutschkenntnisse, 100% derer, die nicht im
Kindergarten waren, haben keine!

Gründe, aus denen ausländische Kinder nicht in den Kindergarten / die Kita gehen:

• manche Eltern sagen, dass ihre Anträge zur Aufnahme in die Kita abgelehnt wurden, weil die Mutter Hausfrau ist und das Kind selbst betreuen könnte

• finanzielle Gründe

• religiöse / weltanschauliche Gründe: religiös geprägte Familien nutzen die
Kinderbetreuungsangebote der Moscheen oder der religiösen Vereine
Wird ein Kind von einer Tagesmutter betreut, die selbst Türkin ist, spricht sie Türkisch mit den Kindern.

5. Fehlendes Interesse in manchen Elternhäusern

Viele Eltern sind nicht daran interessiert, dass ihre Kinder gut Deutsch lernen. Einige davon sind perspektivlos, andere sind „rückkehrorientiert“. Die Perspektivlosigkeit entsteht durch das Gefühl, dass die eigene Kultur und Sprache mit dem Einfluss der Mehrheitsgesellschaft verloren gehen könnte und die Kinder im Kindergarten und der Schule nicht gefördert werden.

6. Meinung mancher Eltern, dass sie in ihrer Muttersprache und der heimatlichen Kultur zu kurz gekommen sind Viele Eltern haben den Eindruck, dass sie Defizite in der Sprache und im kulturellen Bereich haben und wollen, dass ihre Kinder es in dieser Beziehung besser haben. Darum grenzen sie
ihre Kinder oft bewußt aus. Viele haben die Auffassung: Deutsch können die Kinder in der Schule lernen.

7. Großer Einfluss der 1. Generation
In 33% der Fälle betreuen die Großeltern die Kinder in Abwesenheit der Eltern. Die Kommunikationssprache ist dann selbstverständlich die Herkunftssprache.

8. Pendlerproblematik 24% der Kinder pendeln häufig zwischen dem Heimatland und Deutschland und bleiben oft ganz lange Zeit in der Türkei. Da können sie auch nicht Deutsch lernen.

9. Mangelnde Erfahrung der Eltern im Umgang mit Zweisprachigkeit
Es gibt einige Eltern, die ihr Kind zweisprachig erziehen wollen, aber sie wissen oft nicht wie. Wie schafft man es, dass ein Kind zwei Sprachen gut lernt und nicht am Ende keine kann?

Der Autor macht am Ende seines Artikels einige Vorschläge für bildungspolitische Maßnahmen:

- Schaffung der Möglichkeit zum Besuch von Kitas: die Eltern müssen über deren Bedeutung informiert werden (über Elternorganisationen, Ausländer-vereine etc.)

- der Vorschulbesuch sollte verbindlich sein (z. B. Erfassung der Vorschulkinder über das Einwohnermeldeamt und Benachrichtigung der Eltern)

- Vermeidung von Vorschuleinrichtungen, wo besonders viele Kinder mit geringen Deutschkenntnissen sind

- Vermittlung und Entwicklung der interkulturellen Kompetenz der
Vorschulklassenlehrerinnen und Lehrkräfte (Ausbildung in DaZ, Konzepte der
Mehrsprachigkeit, Förderung in der Muttersprache)

- interkulturelle Elternarbeit
- der schulpsychologische Dienst sollte sich interkulturell öffnen (z. B. Einsatz von zweisprachigen Schulpsychologen und Lehrkräften)

---------------------------------------------------------------------------In ausgewählten Elternbriefen des Arbeitskreises für Neue Erziehung geht es um eine türkische Familie, der es mit viel Mühe und Einsatz gelingt, ihr Kind erfolgreich zweisprachig zu erziehen. Die Briefe sind unter anderem als Ermutigung für andere türkische Eltern gedacht, die dieselben Probleme haben, die vielleicht manchmal eine Anweisung brauchen und sich freuen, von der Erfahrung anderer zu hören.

Oktay und Hülya sind die Eltern des Mädchens Canan. Oktay arbeitet in einer Firma und Hülya in einer Arztpraxis. Nach Canans Geburt empfiehlt man ihnen im Familienberatungszentrum, von Anfang an das Prinzip eine Person - eine Sprache anzuwenden. Dazu können sie sich aber nicht entschließen, weil sie nicht wollen, dass das Kind von ihnen fehlerhaftes Deutsch lernt. Canan soll also im Kindergarten Deutsch lernen.

In dieser Hinsicht empfiehlt man den Eltern, ihr Kind in einen zweisprachigen Kindergarten einzuschreiben, wo es türkisch- und deutschsprachige Erzieherinnen gibt. Wovon man ihnen in jedem Fall abrät, ist eine Mischsprache, die leider viel zu oft in ausländischen Familien vorkommt.

Nach Auseinandersetzungen mit der Großmutter, die Angst hat, dass das Mädchen sich entfremden wird und es selbst betreuen will (Argument: Hülya, Canans Mutter, war auch nicht im Kindergarten und hat es ihr an etwas gefehlt? Nein!), kommt Canan in den Kindergarten. Am Anfang hat sie große Probleme und klammert sich immer an die Mutter, wenn diese gehen will. Außerdem sagt Canan kein einziges Wort im Kindergarten; zu Hause
hingegen ist sie (auf Türkisch) sehr gesprächig. Obwohl die Eltern sich viele Sorgen machen, verlieren sie nicht die Geduld, sondern verhalten sich normal mit dem Kind.

Eines Morgenssagt Canan dann endlich im Kindergarten auf Deutsch: „Ich möchte Schokolade.“ Ab diesem Zeitpunkt ist das Eis gebrochen und Canan spricht problemlos im Kindergarten Deutsch und zu Hause Türkisch.

Einige Maßnahmen von Hülya und Oktay, um die Zweisprachigkeit zu fördern:

a) Sie versuchen, Canan eine deutsche Umgebung zu schaffen und laden deutsche Kinder zu sich ein.

b) Sie versuchen, eine positive Atmosphäre in Bezug auf Deutschland zu schaffen, denn negative Ansichten würden die Lernbereitschaft des Kindes hemmen.

c) Wenn Canan die Sprachen mischt, wiederholen die Eltern alles in einem vollständigen türkischen Satz, ohne sie zu entmutigen. Sie versuchen, die sprachlichen Sphären konsequent zu trennen.

d) Als Canan eine Trotzphase hatte und nur noch Deutsch sprach und auf Deutsch antwortete (sie verstand vielleicht nicht, warum ihre Mutter mit der Erzieherin Deutsch spricht, mit ihr aber nicht), gaben die Eltern nicht auf und sprachen weiter Türkisch. (Andere Eltern sind nicht so konsequent und deren Kinder lernen im Endeffekt nie die Muttersprache.)

e) Die Eltern erkennen, dass Zweisprachigkeit kein Ziel ist, sondern eine Lebensform, ein Prozess, der über Jahre Arbeit und Fleiß verlangt. In beiden Sprachen muss man denken und fühlen.

f) Die Eltern versuchen, das kleine Kind mit Liedern, Rätseln und Spielen für Sprachen zu interessieren. Ferngesehen wird nicht oder nur ausgewählte Sendungen.

g) Sie erkennen, dass man nicht erwarten darf, dass sich ein vollständiges Gleichgewicht zwischen den Sprachen irgendwann einstellt. Immer kann man eine Sprache besser und eine schlechter, je nachdem, was man gerade viel spricht.
Diese Methoden führten zu einem großen Erfolg. Einmal sagten die Eltern aus Zerstreutheit einen deutsch-türkischen Mischsatz, worauf Canan sie streng anschaute und alles noch einmal in einem vollständigen türkischen Satz wiederholte, wie die Eltern es sonst mit ihr tun.

Abschließend muss man sagen, dass diese Familie keinen „bildungsfernen“ Hintergrund hat, sondern sich schon vor der Geburt von Canan viele Gedanken darüber gemacht hat, wie man das Kind am besten zweisprachig erziehen könnte. Die Eltern haben dem Mädchen mit Erfolg zwei Welten geöffnet und nicht verschlossen.

Wie steht es aber um die vielen Familien mit „bildungsfernem“ Hintergrund, die sich keine Gedanken über Kindererziehung machen?

Wie kann man die erreichen?
Hoffen wir, dass möglichst viele die Elternbriefe auch lesen und von
solchen Initiativen wie dem Arbeitskreis für Neue Erziehung Gebrauch machen.